Tränenwegs-Operationen


Eine Tränenwegsoperation bezeichnet einen operativen Eingriff am Tränenwegssystem der Augen. Kommt es hier zu Verstopfungen oder Verwachsungen (Tränenwegsstenose), kann Tränenflüssigkeit nicht ordnungsgemäß abgeleitet werden, so dass die Augen ständig tränen und regelrecht überlaufen.

Tränenflüssigkeit ist einerseits notwendig, um die Augenoberfläche ständig zu befeuchten, und andererseits, um Fremdkörper aus dem Auge spülen zu können. Die Tränendrüse produziert daher stetig Tränenflüssigkeit. Die überschüssige Flüssigkeit sammelt sich normalerweise am unteren Lid und fließt schließlich über die Tränenwege zur Nase ab.

Anatomischer Hintergrund

Der Tränenweg beginnt an den sogenannten „Tränenpunkten“, zwei kleinen Öffnungen im oberen und unteren Augenlid. Jede dieser Öffnungen führt in einen kleinen Kanal („Canaliculus lacrimalis“), der in den Tränensack zwischen dem inneren Augenwinkel und der Nase mündet. Der Tränensack leitet dann in den Tränennasengang weiter, der durch die knöchernen Strukturen rund um die Nase führt. Tränenflüssigkeit gelangt somit schlussendlich in die Nasenhöhle.

Tränendrüse und Tränenwege
Tränendrüse (a) und Tränenwege: b = oberes Tränenpünktchen. c = oberes Tränenröhrchen. d = Tränensack. e = unteres Tränenpünktchen. f = unteres Tränenröhrchen. g = Tränennasengang

Das Blinzeln mit den Augenlidern verteilt Tränenflüssigkeit gleichmäßig über die Augenvorderseite, damit sie feucht und gesund bleibt. Dabei drücken die Lider gleichzeitig Flüssigkeit in die Tränenpunkte, durch die sie in den Tränenkanal gelangt.

Durch eine Blockade oder Verengung der Tränenwege (Tränenwegsstenose) kann die Flüssigkeit nicht abließen und schwappt über die Augenlider. Betroffene sehen dadurch so aus, als würden sie ständig weinen. Darüber hinaus ist das Sehen beeinträchtigt und die Patienten haben den Eindruck, „wie durch ein Aquarium zu schauen“. Dies tritt vermehrt beim Lesen auf. Durch Tränen, die dauerhaft im Tränensack verbleiben, kann sich zudem eine sekundäre Infektion entwickeln.

Indikation für eine Tränenwegsoperation

Das häufigste Symptom einer Fehlfunktion des Tränenkanals ist eine übermäßige Tränenbildung. Diese kann von Schleimbildung, Augenreizung, und einer schmerzhaften Schwellung am inneren Augenwinkel begleitet werden.

Eine genauere Untersuchung zeigt die Lage der Verengung und deren Ursache auf. Diese Verengung muss in der Regel durch einen operativen Eingriff beseitigt werden.

Wenn eine Fehlfunktion des Tränenkanals unbehandelt bleibt, kann dies zu einer Infektion führen – was wiederum manchmal zur Bildung eines Abszesses, Zellulitis (Weichteil- Infektion) oder einer Fistel (ein abnormer Tränenkanal, der vom Tränensack in die Haut führt) zur Folge haben. Im Falle eines Abszesses oder Zellulitis müssen diese mit topischen und systemischen Antibiotika behandelt werden, um die akute Infektion zu beseitigen.

Sobald dies erreicht ist, ist eine Tränenwegsoperation notwendig, nicht nur um den Tränenüberschuss im Zusammenhang mit der Fehlfunktion des Tränenkanals zu beseitigen, sondern auch um zu verhindern, dass eine wiederkehrende Infektion eintritt. Auch alle anderen Fälle einer Fehlfunktion des Tränenkanals machen eine Tränenwegsoperation erforderlich. Die Operationsmethode hängt von der genauen Diagnose ab.

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Vorgehen bei einer Tränenwegsoperation

Alle Tränenwegsoperationen werden unter Vollnarkose durchgeführt. Eine Tränenwegsoperation kann entweder von außen oder minimal-invasiv endoskopisch erfolgen.

Wenn sich eine langstreckige Verengung des Tränenkanals zwischen dem Tränensack und der Nase befindet, ist eine Dakryozystorhinostomie (Toti-Operation) empfehlenswert. Bei dieser Tränenwegsoperation wird die Fehlfunktion des Tränenkanals operativ umgangen (Bypass), indem die Tränenflüssigkeit durch einen chirurgisch geschaffenen Weg zur Nase abgeleitet wird. Diese Tränenwegsoperation wird entweder durch einen Hautschnitt (mit einer Erfolgsquote von 90 bis 95 Prozent) oder einem Lasereingriff ohne Hautschnitt (mit einer Erfolgsquote von 75 Prozent) durchgeführt.

Anschließend wird für drei Monate ein feines, weiches Silikonröhrchen platziert – um sicherzustellen, dass der chirurgische Bypass während der postoperativen Heilungsphase offen und funktionsfähig bleibt.

Bei relativen Tränenwegsstenosen, d.h. die Tränenwege sind verengt, aber nicht vollständig verschlossen, kann eine Sondierung und Erweiterung der Tränenwege mittels Ballondilatation und anschließender Tränenwegsschienung für drei Monate mit einem Silikonröhrchen erfolgen. Die Röhrchen sollen sicherstellen, dass der vergrößerte Tränenpunkt während der Heilungsphase offenbleibt, um zu gewährleisten, dass diese Struktur dauerhaft vergrößert und funktionsfähig bleibt.

Tränenwegsoperation bei Kindern

Wenn bei einem kleinen Kind eine Fehlfunktion festgestellt wird, ist das oftmals das Ergebnis eines unvollständig entwickelten Tränennasengangs. Bis zu 7 Prozent der Kinder sind von diesem Problem betroffen. Bei einigen Kindern öffnet sich der Tränenkanal spontan während des ersten Lebensjahres.

Wenn der Tränenkanal sich nicht öffnet und die Symptome bestehen bleiben, wird dies durch eine Sondierung des Tränenkanals per Tränenwegsoperation behandelt. Bei dieser kurzen Tränenwegsoperation wird eine feine Metallsonde durch die entscheidenden Teile des Tränenkanals (Tränenpunkte, Canaliculus, Tränensacks) und durch die Kreuzung des Tränennasengangs mit der Nase (die sogenannte Hasner’sche Klappe) geschickt.

Bei schweren oder wiederholten Fällen oder bei Kindern, deren Behandlung sich verzögert hat, wird die Sondierung in Verbindung mit einer Silikon-Intubation durchgeführt. Die Behandlung einer Stenose der Tränenwege über das Sondieren oder eine Silikon-Intubation hat eine extrem hohe Erfolgsquote.

Auch diese Tränenwegsoperationen am Tränenkanal werden unter Vollnarkose durchgeführt.

Nach der Tränenwegsoperation

Schmerzen sind nach der Tränenwegsoperation meist gering und es ist kein Verband erforderlich. Patienten tragen für 7 bis 10 Tage vor dem Schlafengehen eine antibiotische Salbe auf.

Wenn ein Hautschnitt durchgeführt wurde, hängt es vom verwendeten Nahtmaterial ab, ob die Fäden gezogen werden müssen. Bei Verwendung von selbstresorbierenden Fäden ist das nicht nötig.

Das Silikonröhrchen bleibt für etwa 3 Monate an Ort und Stelle. In den meisten Fällen dauert es lediglich 30 Sekunden, um dieses Röhrchen ambulant beim sitzenden Patienten im Sprechzimmer zu entfernen.

Risiken und Komplikationen einer Tränenwegsoperation

Blutungen und Infektionen, beides potenzielle Risiken einer Tränenwegsoperation, kommen sehr selten vor. Kleinere Quetschungen und Schwellungen sind an der Operationsstelle für ein bis zwei Wochen zu erwarten. Gelegentlich kann sich später Narbengewebe bilden, welches möglicherweise den neu geschaffenen Tränenkanal blockiert. Sollte diese Entwicklung eintreten, wäre eine erneute chirurgische Tränenwegsoperation sinnvoll.

Die meisten Patienten erleben eine geringere Tränenbildung nach der Operation mit wenigen, wenn überhaupt vorhandenen, postoperative Schmerzen.

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Zusatzwissen zur Tränenwegschirurgie

Die Chirurgie der Tränenwege ist eine Unterdisziplin der Augenheilkunde, welche sich auf Erkrankungen der Augenlider und des Tränenkanals konzentriert. Sie hat sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland allmählich als eigenständige Unterdisziplin der Augenheilkunde entwickelt.

In den 1970er und 1980er Jahren fielen die meisten Erkrankungen von Augenlid und Tränendrüse und die entsprechenden chirurgischen Eingriffe in den Zuständigkeitsbereich der allgemeinen Augenärzte. Heute sind die Umstände ein wenig anders. Erkrankungen von Augenlid und Tränendrüse kommen sehr häufig vor, und kleinere Störungen bilden einen bedeutenden Teil der Arbeitsbelastung der allgemeinen Augenheilkunde. Allerdings werden Störungen an Augenlid und Tränendrüse, die auf einfache nicht-chirurgische Maßnahmen keine Wirkung zeigen, zunehmend von Experten der Tränenwegschirurgie behandelt.

Die Chirurgie der Tränenwege bleibt Bestandteil des Ausbildungslehrplans zum Facharzt für Augenheilkunde, und allgemeine Augenärzte nehmen allgemein weniger komplexe Operationen vor, wie Korrekturen von Entropium und Ektropium. Augenärzte, die sich in diesem Bereich spezialisiert haben, haben nach ihrer Facharztausbildung in der Augenheilkunde häufig zusätzliche Weiterbildungen absolviert und arbeiten teilweise ausschließlich in dieser Unterdisziplin.

Das chirurgische Repertoire des Tränenwegschirurgen umfasst

  • die Korrektur von Lidfehlstellungen (zum Beispiel Entropium, Ektropium, Ptosis, Lidretraktion aufgrund einer Fehlfunktion der Schilddrüse)
  • die Operation von eingewachsenen Wimpern
  • die Entfernung von Tumoren an den Lidern und dem umgebenden Gewebe
  • den Wiederaufbau dieses Gewebe nach der Tumorentfernung

Übermäßige Augennässe aufgrund einer Augenlid-Fehlstellung oder einer Fehlfunktion des Tränenkanals ist häufige Ursache für eine Überweisung an einen Tränenwegschirurgen.

Interdisziplinäre Behandlungsformen

Bei der Dakryozystorhinostomie (DCR) schafft die Öffnung des dünnen Tränendrüsenknochens eine Verbindung zwischen Tränensack und der Seitenwand der Nase. Dies kann durch einen Hautschnitt über dem Tränensack oder über der Nase (endoskopische DCR) erfolgen. Für eine endoskopische DCR muss der Chirurg die nasale Endoskopie beherrschen; manchmal ist sie notwendig, um Anomalien der Nasenscheidewand oder der Nasenmuscheln zu korrigieren, um Zugang zu erhalten.

Einige Chirurgen der Tränenwege nehmen auch ästhetische oder kosmetische Operationen an den Augenlidern und dem periokulären Gewebe, also dem Gewebe um das Auge herum, vor. Denkbar sind dabei

  • Optische Verjüngung des periokulären Gewebes
  • Änderung der Form der Augenbrauen
  • Korrektur kleinerer Abweichungen der Augenlider

Diese operativen Eingriffe fallen normalerweise nicht in das Behandlungsgebiet eines HNO-Arztes. Viele der Techniken der ästhetischen Chirurgie ähneln denen der Chirurgie der Tränenwege.

Chirurgen der Tränenwege arbeiten oft eng mit Experten verwandter Disziplinen zusammen, wie etwa der Dermatologie, Onkologie, HNO und plastischer Chirurgie. Allerdings gehört die Tränenwegschirurgie streng in die Hand des okuloplastischen Chirurgen, also des Augenarztes. Er ist und bleibt primärer Ansprechpartner zur Behandlung des tränenden Auges.

Medizinischer Berater: Professor Ludwig Heindl

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