Google sagt am Augenhintergrund Herzinfarkte voraus

Dass Google viel über uns alle weiß, das ist bekannt und auch besorgniserregend: Wann wir wo waren und für wie lange, für welche Produkte wir uns interessieren, welche Musik wir hören – und das ist nur eine kleine Auswahl. Diese Daten kann Google dazu auswerten, uns passende Informationen vorzuschlagen und natürlich, um Werbung auf uns zuzuschneiden.

Doch der Computeralgorithmus von Google kann auch medizinische Vorhersagen treffen. Forscher aus dem Hause Google entwickeln stetig neue Möglichkeiten, wie sich Google nützlich einsetzen lassen könnte. Und nun kommen wir endlich zum Thema Augen: Google kann jetzt anhand des Augenhintergrundes akute, lebensgefährliche Durchblutungsstörungen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle recht genau vorhersagen!

Was hat der Augenhintergrund mit Herzkrankheiten zu tun?

Im Augenhintergrund verlaufen winzige Blutgefäße, die der Augenarzt mit einem Diagnosegerät gut erkennen kann. Dabei sieht er auch gleich, in welchem Zustand sich diese Gefäße befinden und ob sie durch Erkrankungen beeinträchtigt sind. Ein Augenarzt kann also allein beim tiefen Blick in die Augen erkennen, ob Sie an Diabetes oder Bluthochdruck leiden.

Diese beiden Erkrankungen erhöhen das Risiko auf sogenannte kardiovaskuläre Ereignisse, zu denen auch Herzinfarkte und Schlaganfälle gehören. Leidet ein Patient an Bluthochdruck und Diabetes, hat er automatisch ein höheres Risiko, innerhalb der nächsten fünf Jahre einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden.

Von Risikofaktoren und künstlicher Intelligenz

Um dieses Risiko genauer zu ermitteln, gibt es Fragebögen, wie beispielsweise den HeartScore der European Society of Cardiology. Hier trägt der Arzt weitere Faktoren ein, die mit kardiovaskulären Ereignissen in Zusammenhang stehen – unter anderem, ob der Patient raucht, wie hoch sein Cholesterinspiegel ist und wie viel er wiegt. Am Ende berechnet er so einen persönlichen Risikofaktor für den Patienten.

Im Grunde ist also auch diese Berechnung von Wahrscheinlichkeiten ein Algorithmus, und auf diesem Gebiet ist Google traditionell sehr kompetent. Die Forscher haben ihren Algorithmus Bilder des Augenhintergrundes und zugehörige Metadaten wie Krankheitsdiagnosen, Alter, Geschlecht und Raucherstatus von 284.335 Patienten analysieren lassen. Auf Grundlage dieser vielen Daten hat Google gelernt, wie spezifische Bilder des Augenhintergrundes mit diesen Metadaten in Verbindung stehen.

Danach legten die Forscher dem Algorithmus weitere tausende Bilder vor, allerdings diesmal ohne die Angabe von Metadaten. Google konnte nun durch die genaue Analyse der Bilder mit hoher Präzision angeben, ob das Bild zu einem Menschen mit den genannten Krankheitsbilder gehört, ob es ein Mann oder eine Frau ist und wie dessen Cholesterinspiegel, Blutdruck und BMI aussehen.

Und was macht das “Googlen” des Augenhintergrundes so spannend?

Selbstverständlich kann Google mit diesen selbst eingeschätzten Daten ohne weitere Informationen zum Patienten auch einen Risikoscore für das Auftreten eines kardiovaskulären Ereignisses in den nächsten fünf Jahren berechnen. Die Präzision der Angabe ist dabei sogar fast so genau wie die erwähnte manuelle Bestimmung des Scores mit Kenntnis der Risikofaktoren. Theoretisch könnte Google also nur anhand des Augenhintergrundes weitere Untersuchungen, wie die Blutabnahme zur Bestimmung des Cholesterinwertes, überflüssig machen.

Die Diagnose von “Dr. Google” erfolgt also ohne Untersuchung des Individuums, sondern nur auf Grundlage von Statistiken anhand einer großen Datenbank. Im klinischen Alltag wird das zunächst keine große Rolle spielen. Doch dieses Beispiel zeigt uns einerseits, wie wichtig ein großer Erfahrungsschatz in der Medizin ist – denn nur mit der großen Erfahrung von hunderttausenden Datensätzen kann Google diese Vorhersagen treffen, und andererseits, wie mächtig Statistiken sein können. Sie können sogar Diagnosen ermöglichen, ohne, dass der Patient berührt oder auch nur betrachtet wurde.


von Debora Pape. 26.02.2018